Legislator Rechtsprechung & Gesetzgebung
1 BvR 640/11 ECLI:DE:BVerfG:2012:rk20120529.1bvr064011 KI-generiert

BFH failure to refer EU tax finality questions to CJEU under Art. 267(3) TFEU and violation of right to a legally established judge under Art. 101(1) GG

Geschäftsnummer 1 BvR 640/11
Gericht / Behörde
Rechtsordnung Deutschland (DE)
Entscheiddatum
Ausgang Nichteintreten / Unzulässig (Inadmissible)

Legislator-Zusammenfassung

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The Federal Constitutional Court declined to accept the constitutional complaint for decision, thereby leaving the decision of the Federal Fiscal Court (BFH) in force and effectively ruling against the complainant. The dispute concerned a challenge to the BFH’s handling of a case involving the rebuttal of administrative finality regarding EU-law-violating tax assessments, where the complainant alleged that the BFH failed to refer a preliminary question to the Court of Justice of the European Union (CJEU) in violation of the right to a legally established judge under Article 101(1) Sentence 2 of the Basic Law. The Court held that no such constitutional violation was evident, applying a high threshold for review; it found that the BFH did not grossly misapply the obligation to refer under Article 267(3) TFEU, as it had properly considered existing CJEU jurisprudence and the subsequent development of EU law, and its assessment of national competence to withdraw legally defective acts remained within the acceptable margin of discretion despite the absence of a definitive CJEU ruling on the specific question of finality.

Legislator-Regeste

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Art 267 Abs 3 AEUV, § 93a Abs. 2 BVerfGG, § 90 Abs. 1 BVerfGG, § 126a FGO, § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG, Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG; BFH failure to refer EU tax finality questions to CJEU under Art. 267(3) TFEU and violation of right to a legally established judge under Art. 101(1) GG: The dispute concerned a challenge to the BFH’s handling of a case involving the rebuttal of administrative finality regarding EU-law-violating tax assessments, where the complainant alleged that the BFH failed to refer a preliminary question to the Court of Justice of the European Union (CJEU) in violation of the right to a legally established judge under Article 101(1) Sentence 2 of the Basic Law. The Court held that no such constitutional violation was evident, applying a high threshold for review; it found that the BFH did not grossly misapply the obligation to refer under Article 267(3) TFEU, as it had properly considered existing CJEU jurisprudence and the subsequent development of EU law, and its assessment of national competence to withdraw legally defective acts remained within the acceptable margin of discretion despite the absence of a definitive CJEU ruling on the specific question of finality.

Schlagwörter

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Verletzung von Verfahrensrechten Steuerrecht Anfechtung von Verwaltungsverfügungen Vorentscheid Verpflichtungsgrund Verbleiberecht

Zitierte Gesetzesbestimmungen

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Zitierte Rechtsprechung

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BVerfGE 82, 159
BVerfGE 82, 159 ; 126, 286 ).
1 BvR 1916/09
EU legal persons’ fundamental rights under the Basic Law and copyright distribution rights harmonized by EU law
BFHE 230, 504
September 2010 - V R 57/09 - (BFHE 230, 504) hingewiesen.
2 BvR 1321/07
September 2008 - 2 BvR 1321/07 - (BVerfGK 14, 217) vertretbar gewürdigt.
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Zentrale Rechtsfragen, extrahiert von Legislator

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§ 93a Abs. 2 BVerfGG

Cited as the procedural basis for declining to accept the constitutional complaint for decision due to the absence of grounds for admissibility.

§ 90 Abs. 1 BVerfGG

Cited to explain that the acceptance of the complaint was not indicated for the enforcement of the fundamental rights and basic rights listed therein.

Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG

Cited as the specific fundamental right alleged to be violated, which the court found not to be recognizably infringed.

§ 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG

Cited as the procedural rule allowing the court to dispense with further justification.

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Volltext

Nichtannahmebeschluss: Durchbrechung der Bestandskraft bei unionsrechtswidrigen Steuerbescheiden - hier: keine Verletzung von Art 101 Abs 1 S 2 GG durch Unterlassen eines Vorabentscheidungsersuchens durch den BFH an den EuGH dem Art 267 Abs 3 AEUV

[GRUENDE]

Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen, da kein Annahmegrund (§ 93a Abs. 2 BVerfGG) vorliegt. Ihr

kommt weder grundsätzliche verfassungsrechtliche Bedeutung zu noch ist ihre Annahme zur Durchsetzung der in § 90 Abs. 1 BVerfGG

genannten Rechte angezeigt. Insbesondere ist nicht erkennbar, dass der Bundesfinanzhof seine Vorlagepflicht nach Art. 267

Abs. 3 AEUV in einer Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG verletzenden Weise gehandhabt hätte.

1. Der Europäische Gerichtshof ist gesetzlicher Richter im Sinne von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG. Das nationale Gericht ist

unter den Voraussetzungen des Art. 267 Abs. 3 AEUV von Amts wegen gehalten, den Europäischen Gerichtshof anzurufen. Das Bundesverfassungsgericht

überprüft allerdings nur, ob die Auslegung und Anwendung der Zuständigkeitsregel des Art. 267 Abs. 3 AEUV bei verständiger

Würdigung der das Grundgesetz bestimmenden Gedanken nicht mehr verständlich erscheint und offensichtlich unhaltbar ist (vgl.

BVerfGE 82, 159 ; 126, 286 ).

Die Vorlagepflicht wird insbesondere in den Fällen offensichtlich unhaltbar gehandhabt, in denen ein letztinstanzliches Hauptsachegericht

eine Vorlage trotz der - seiner Auffassung nach bestehenden - Entscheidungserheblichkeit der unionsrechtlichen Frage überhaupt

nicht in Erwägung zieht, obwohl es selbst Zweifel hinsichtlich der richtigen Beantwortung der Frage hegt (grundsätzliche Verkennung

der Vorlagepflicht), oder in denen das letztinstanzliche Hauptsachegericht in seiner Entscheidung bewusst von der Rechtsprechung

des Europäischen Gerichtshofs zu entscheidungserheblichen Fragen abweicht und gleichwohl nicht oder nicht neuerlich vorlegt

(bewusstes Abweichen ohne Vorlagebereitschaft). Liegt zu einer entscheidungserheblichen Frage des Gemeinschaftsrechts einschlägige

Rechtsprechung des Gerichtshofs noch nicht vor oder hat eine vorliegende Rechtsprechung die entscheidungserhebliche Frage

möglicherweise noch nicht erschöpfend beantwortet oder erscheint eine Fortentwicklung der Rechtsprechung des Gerichtshofs

nicht nur als entfernte Möglichkeit, so wird Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nur dann verletzt, wenn das letztinstanzliche Hauptsachegericht

den ihm in solchen Fällen notwendig zukommenden Beurteilungsrahmen in unvertretbarer Weise überschritten hat (Unvollständigkeit

der Rechtsprechung; vgl. BVerfGE 82, 159 ; 126, 286 ). Dabei kommt es für die Prüfung einer Verletzung von

Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nicht in erster Linie auf die Vertretbarkeit der fachgerichtlichen Auslegung des für den Streitfall

maßgeblichen materiellen Unionsrechts an, sondern auf die Vertretbarkeit der Handhabung der Vorlagepflicht nach Art. 267 Abs.

3 AEUV (BVerfG, Beschluss vom 19. Juli 2011 - 1 BvR 1916/09 -, NJW 2011, S. 3428 m.w.N.).

2. Gemessen an diesen Grundsätzen liegt keine verfassungsgerichtlich zu beanstandende Entziehung des gesetzlichen Richters

vor. Der Bundesfinanzhof hat die Beschwerdeführerin vor der Beschlussfassung über den angegriffenen Beschluss gemäß § 126a

FGO unterrichtet und insbesondere auf sein Urteil vom 16. September 2010 - V R 57/09 - (BFHE 230, 504) hingewiesen. In diesem

Urteil hatte sich der Bundesfinanzhof mit den Rechtsfragen zur Durchbrechung der Bestandskraft bei unionsrechtswidrigen Steuerbescheiden

eingehend auseinandergesetzt und hierbei den Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom

4. September 2008 - 2 BvR 1321/07 - (BVerfGK 14, 217) vertretbar gewürdigt.

Auch wenn man mit der 2. Kammer des Zweiten Senats davon ausgeht, dass der Europäische Gerichtshof die Fragen zur Durchbrechung

der Bestandskraft unionsrechtswidriger belastender Verwaltungsakte (hier konkret: Steuerbescheide) bisher noch nicht erschöpfend

beantwortet hat, ist nicht erkennbar, dass der Bundesfinanzhof den ihm zukommenden Beurteilungsrahmen in unvertretbarer Weise

überschritten hat. Das gilt insbesondere für die Annahme, dass die Behörde nach nationalem Recht befugt sein müsse, den sich

im nachhinein als unionsrechtswidrig erweisenden Hoheitsakt zurückzunehmen. Aus dem Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats,

in welchem die Vertretbarkeit der damaligen Auffassung des Bundesfinanzhofs in gleicher Weise ausdrücklich bejaht und näher

begründet wurde (BVerfGK 14, 217 ), ist keine verfassungsrechtliche Pflicht des Bundesfinanzhofs zur Vorlage an den Europäischen

Gerichtshof abzuleiten. Auch vor dem Hintergrund der seitherigen Entwicklung der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs

verbleibt die Auffassung des Bundesfinanzhofs vielmehr innerhalb seines Beurteilungsrahmens (im Ergebnis ebenso Gräber/Levedag,

FGO, 7. Auflage 2010, Anhang, Rn. 107 ff.; Kahl, in: Calliess/Ruffert, EUV/AEUV, 4. Auflage 2011, Art. 4 EUV, Rn. 74; Stadie,

in: Rau/Dürrwächter, UStG, Vorbemerkung, Rn. 659 ff.; Streinz/Kruis, NJW 2010, S. 3745 ; vgl. ferner Hummel, DStZ 2011,

S. 832 und de Weerth, DStR 2008, S. 1669 ).

3. Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.

Diese Entscheidung ist unanfechtbar.