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1 StR 380/22 ECLI:DE:BGH:2022:131222B1STR380.22.0 KI-generiert

Binding effect of pre-trial prosecutorial non-prosecution assurances versus judicial plea bargains in tax fraud proceedings

Geschäftsnummer 1 StR 380/22
Gericht / Behörde
Rechtsordnung Deutschland (DE)
Entscheiddatum
Ausgang Abgewiesen (Dismissed)
Kostenauflage zulasten Beschwerdeführer/in

Legislator-Zusammenfassung

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The Federal Court of Criminal Justice (BGH) rejected the defendant's appeal, upholding the Landgericht Bonn's conviction and sentencing for eleven tax offenses. The dispute centered on whether a prior prosecutorial assurance of non-prosecution (following a suspension under § 154 Abs. 1 StPO) and the subsequent re-prosecution of the cases violated the court's duty to investigate the truth (§ 244 Abs. 2 StPO) or the defendant's fair trial rights under Article 6 ECHR. The court held that such pre-trial prosecutorial promises do not possess the binding legal effect of a judicial plea bargain under § 257c StPO, rendering the 1990 precedent on trust protection obsolete. Although the defendant argued a violation of fair trial principles, the lower court had already considered the defendant's expectations in sentencing without error, and the procedural challenge regarding witness examination was dismissed.

Legislator-Regeste

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§ 349 Abs. 2 StPO, § 154 Abs. 1 StPO, § 58 Abs. 1 StPO, § 257c StPO, § 267 Abs. 3 Satz 1 StPO; Binding effect of pre-trial prosecutorial non-prosecution assurances versus judicial plea bargains in tax fraud proceedings: The dispute centered on whether a prior prosecutorial assurance of non-prosecution (following a suspension under § 154 Abs. 1 StPO) and the subsequent re-prosecution of the cases violated the court's duty to investigate the truth (§ 244 Abs. 2 StPO) or the defendant's fair trial rights under Article 6 ECHR. The court held that such pre-trial prosecutorial promises do not possess the binding legal effect of a judicial plea bargain under § 257c StPO, rendering the 1990 precedent on trust protection obsolete. Although the defendant argued a violation of fair trial principles, the lower court had already considered the defendant's expectations in sentencing without error, and the procedural challenge regarding witness examination was dismissed.

Schlagwörter

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Strafverfolgung wegen Betrugs Trust Prüfung der formellen Rügen Strafzumessung Wirkungen des Urteils Anspruch auf ein faires Verfahren

Zitierte Gesetzesbestimmungen

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Zitierte Rechtsprechung

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2 StR 697/86
April 1987 – 2 StR 697/86 Rn.
2 BvR 2628/10
Constitutional validity of statutory plea-bargaining in criminal proceedings and violation of fair trial and self-incrimination rights due to missing mandatory judicial warnings
BVerfGE 133, 168
März 2013 – 2 BvR 2628/10 u.a., BVerfGE 133, 168 Rn.
3 StR 254/88
April 1990 – 3 StR 254/88 (BGHSt 37, 10, 13 f.), wonach die staatsanwaltschaftliche Zusage, das Verfahren bezüglich einer Straftat einzustellen bzw.
BGHSt 37, 10
April 1990 – 3 StR 254/88 (BGHSt 37, 10, 13 f.), wonach die staatsanwaltschaftliche Zusage, das Verfahren bezüglich einer Straftat einzustellen bzw.
1 StR 328/19
Statute of limitations for unpaid social security contributions and validity of foreign posting certificates; financial harm in fraud requiring existing enrichment claims
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Zentrale Rechtsfragen, extrahiert von Legislator

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§ 349 Abs. 2 StPO

Cited in the dispositive as the basis for rejecting the appeal as unfounded.

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Volltext

Strafverfahren: Bindungswirkung staatanwaltschaftlicher Zusagen

[TENOR]

Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Bonn vom 9. Mai 2022 wird als unbegründet verworfen (§ 349 Abs. 2 StPO).

Der Beschwerdeführer hat die Kosten des Rechtsmittels zu tragen.

Zur Antragsschrift des Generalbundesanwalts ist ergänzend auszuführen:

1. Die – zulässige – Verfahrensrüge, das Landgericht habe dadurch gegen seine Pflicht zur Wahrheitserforschung verstoßen, dass es den Zeugen Rechtsanwalt T. in Anwesenheit der Staatsanwälte R. und S. als Sitzungsvertreter sowie anschließend diese zu demselben Beweisthema, der behaupteten staatsanwaltschaftlichen Zusage der Nichtwiederaufnahme des – mit Abschlussverfügung vor Anklageerhebung im ersten Rechtsgang nach § 154 Abs. 1 StPO eingestellten – Verfahrens bezüglich acht hier streitgegenständlicher bzw. der Nichtverfolgung zum Zeitpunkt der Gespräche (9. und 26. Juli 2019) bekannter weiterer ebenfalls hier geahndeter drei Steuerstraftaten, vernommen hat (§ 244 Abs. 2, § 58 Abs. 1 StPO; vgl. dazu BGH, Urteil vom 15. April 1987 – 2 StR 697/86 Rn. 18-22), ist unter einem weiteren Gesichtspunkt unbegründet:

Einer solchen staatsanwaltschaftlichen Zusicherung kommt von vornherein nicht die Bindungswirkung einer gerichtlichen Verständigung (§ 257c StPO) zu (vgl. BVerfG, Urteil vom 19. März 2013 – 2 BvR 2628/10 u.a., BVerfGE 133, 168 Rn. 79; vgl. auch BT-Drucks. 16/12310 S. 13). Durch das „Gesetz zur Regelung der Verständigung im Strafverfahren“ vom 29. Juli 2009 (BGBl. I S. 2353) ist das Urteil des Bundesgerichtshofs vom 18. April 1990 – 3 StR 254/88 (BGHSt 37, 10, 13 f.), wonach die staatsanwaltschaftliche Zusage, das Verfahren bezüglich einer Straftat einzustellen bzw. diese nicht zu verfolgen, einen Vertrauenstatbestand als gewichtigen Strafmilderungsgrund (§ 267 Abs. 3 Satz 1 StPO) begründen könne, insoweit überholt (vgl. BVerfGE aaO). Bereits sein vormaliger Verteidiger, der mittlerweile verstorbene Rechtsanwalt H. , wies den Angeklagten in seiner E-Mail vom 1. August 2019 (Revisionsbegründung S. 47) auf diesen Gesichtspunkt mit den Worten hin: „Eine rechtliche Bindung ergibt sich hieraus für die Staatsanwaltschaft, hierüber haben wir eingehend gesprochen, allerdings nicht. Die Festschreibung dieser Äußerung ist aber gleichwohl sinnvoll, weil sich hieraus eine psychologische Bindung ergibt.“

Das Urteil des Senats vom 11. November 2020 – 1 StR 328/19 – im ersten Rechtsgang gab wegen der gewichtigen Teilaufhebung einen sachlichen Anlass (vgl. BVerfG, Beschluss vom 19. Mai 2022 – 2 BvR 1110/21 Rn. 50; BGH, Beschluss vom 30. April 2009 – 1 StR 745/08, BGHSt 45, 1 Rn. 15), neben den rechtskräftig gewordenen neun Einzelstrafen die (gleichgelagerten) Ertragsteuerhinterziehungsfälle wiederaufzunehmen bzw. zu verfolgen.

Ohnehin hat das Landgericht eine etwaige – freilich mit der E-Mail vom 1. August 2019 nicht zu vereinbarende – vorübergehende „Erwartung“ des Angeklagten, wegen der verfahrensgegenständlichen elf Steuerstraftaten nicht verfolgt zu werden, strafmildernd berücksichtigt (UA S. 67); nach alledem ist der Gesichtspunkt eines Vertrauensschutzes jedenfalls nicht rechtsfehlerhaft zu Lasten des Angeklagten in der Strafzumessung gewürdigt worden.

2. Aus dem gleichen Grund dringt auch die an dasselbe Beweisthema anknüpfende Rüge, die Vernehmung des Rechtsanwalts T. durch die beiden genannten Staatsanwälte sowie die anschließende Vernehmung des Staatsanwalts R. durch den Staatsanwalt S. verstießen gegen Art. 6 MRK, nicht durch.

Jäger

Fischer

Bär

Leplow

Allgayer