Legislator Rechtsprechung & Gesetzgebung
1 StR 332/12 KI-generiert

Mandatory explicit acquittal required for total lack of insight despite prior finding of diminished capacity for criminal liability.

Geschäftsnummer 1 StR 332/12
Gericht / Behörde
Rechtsordnung Deutschland (DE)
Entscheiddatum
Ausgang Teilweise gutgeheissen (Partially Allowed)
Kostenauflage zulasten Beschwerdeführer/in

Legislator-Zusammenfassung

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The Federal Court of Justice (BGH) partially granted the defendant's revision, ordering the lower court’s judgment to be amended to explicitly acquit the defendant on the charge of dangerous bodily harm, while the order of placement in a psychiatric hospital under § 63 StGB remained in force. The dispute concerned a conviction for dangerous bodily harm combined with resistance against enforcement officials, where the defendant appealed based on his claim of significantly diminished capacity for insight. The court determined that while the Landgericht Stuttgart correctly ordered psychiatric confinement, it had failed to explicitly acquit the defendant in the operative part of the judgment because the factual findings established that the defendant suffered from chronic paranoid schizophrenia, leading to a total lack of appreciation of the unlawfulness of his actions (Notwehr-illusion). Although the court clarified that diminished insight alone does not equate to insanity under § 21 StGB, the specific finding of absent insight rendered the defendant not guilty of the criminal act, necessitating a mandatory acquittal which the trial court had omitted; thus, the BGH corrected the formula of the judgment to reflect this acquittal while upholding the security measure.

Legislator-Regeste

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§ 349 Abs. 4 StPO, § 349 Abs. 2 StPO, § 63 StGB, § 21 StGB, § 473 Abs. 4 StPO; Mandatory explicit acquittal required for total lack of insight despite prior finding of diminished capacity for criminal liability: The dispute concerned a conviction for dangerous bodily harm combined with resistance against enforcement officials, where the defendant appealed based on his claim of significantly diminished capacity for insight. The court determined that while the Landgericht Stuttgart correctly ordered psychiatric confinement, it had failed to explicitly acquit the defendant in the operative part of the judgment because the factual findings established that the defendant suffered from chronic paranoid schizophrenia, leading to a total lack of appreciation of the unlawfulness of his actions (Notwehr-illusion). Although the court clarified that diminished insight alone does not equate to insanity under § 21 StGB, the specific finding of absent insight rendered the defendant not guilty of the criminal act, necessitating a mandatory acquittal which the trial court had omitted; thus, the BGH corrected the formula of the judgment to reflect this acquittal while upholding the security measure.

Schlagwörter

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Körperverletzung verminderte Schuldfähigkeit Revision des Strafurteils Urteilsdispositiv strafrechtliche Anklage strafrechtliche sichernde Massnahme

Zitierte Gesetzesbestimmungen

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Zitierte Rechtsprechung

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4 StR 64/07
April 2007 - 4 StR 64/07; BGH, Beschluss vom 12.
5 StR 215/06
Juli 2006 - 5 StR 215/06; BGH, Beschluss vom 22.
2 StR 430/06
November 2006 - 2 StR 430/06).
BGHSt 21, 27
In einem solchen Fall ist auch die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus nicht zulässig (BGHSt 21, 27, 28; 34, 22, 26 f.).
3 StR 158/02
Juni 2002 - 3 StR 158/02).
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Zentrale Rechtsfragen, extrahiert von Legislator

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§ 349 Abs. 4 StPO

Cited in the operative part to authorize the court to supplement the judgment with an acquittal.

§ 349 Abs. 2 StPO

Cited in the operative part to reject the remainder of the revision as unfounded due to lack of legal error to the defendant's disadvantage.

§ 473 Abs. 4 StPO

Cited in the operative part to rule that the partial success of the revision does not justify waiving the costs of the appeal.

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Volltext

Strafverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung: Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus bei erheblich verminderter Einsichtsfähigkeit

[TENOR]

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Stuttgart vom 21. Februar 2012 in der Entscheidungsformel dahin ergänzt, dass der Angeklagte freigesprochen wird (§ 349 Abs. 4 StPO). Die weitergehende Revision wird als unbegründet verworfen, da die Nachprüfung des Urteils aufgrund der Revisionsrechtfertigung keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten ergeben hat (§ 349 Abs. 2 StPO).

Der Beschwerdeführer hat die Kosten des Rechtsmittels zu tragen.

Ergänzend bemerkt der Senat:

1. Das Landgericht hat die Unterbringung des Angeklagten in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet (§ 63 StGB). Dies hält rechtlicher Nachprüfung stand.

Allerdings erwecken die dieser Anordnung zugrunde liegenden Ausführungen in den Urteilsgründen zur Schuldfähigkeit des Angeklagten den Eindruck, dass das Landgericht die Auffassung vertritt, bereits mit der Feststellung einer erheblichen verminderten Einsichtsfähigkeit seien die Voraussetzungen des § 21 StGB erfüllt und damit auch die Grundlage für die Anordnung der Unterbringung nach § 63 StGB gegeben. Dies ist indes nicht der Fall. Eine verminderte Einsichtsfähigkeit ist strafrechtlich erst dann von Bedeutung, wenn sie das Fehlen der Einsicht zur Folge hat (st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 3. April 2007 - 4 StR 64/07; BGH, Beschluss vom 12. Juli 2006 - 5 StR 215/06; BGH, Beschluss vom 22. November 2006 - 2 StR 430/06). Der Täter, der trotz erheblich verminderter Einsichtsfähigkeit im konkreten Fall die Einsicht in das Unrecht seiner Tat gehabt hat, ist - sofern nicht seine Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt war - voll schuldfähig. In einem solchen Fall ist auch die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus nicht zulässig (BGHSt 21, 27, 28; 34, 22, 26 f.).

Hier lässt sich den Urteilsgründen in ihrer Gesamtheit hinreichend deutlich entnehmen, dass dem Angeklagten bei der Tatbegehung die Unrechtseinsicht vollständig gefehlt hat. Das Landgericht hat nämlich ausdrücklich festgestellt, dass der Angeklagte aufgrund seiner chronifizierten paranoiden Schizophrenie die von Verfolgungswahn geprägte, irrige Überzeugung gewonnen hatte, der Zeuge S. wolle ihn mit dem Blumenstrauß angreifen (UA S. 7). Er hielt deshalb sein eigenes Verhalten für "zulässiges Notwehrverhalten" (UA S. 11). Das Landgericht ist demnach im Ergebnis - tragfähig - davon ausgegangen, dass der Angeklagte aufgrund seines Zustands bei der Tatbegehung keine Einsicht in das Unrecht seines Handelns gehabt hat.

2. Wegen des Zustands des Angeklagten bei der Tatbegehung hat sich das Landgericht auch gehindert gesehen, den Angeklagten wegen der zwei ihm zur Last liegenden Taten der gefährlichen Körperverletzung, jeweils in Tateinheit mit Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, zu verurteilen. Bei dieser Sachlage, zumal die Feststellungen die Aufhebung der Unrechtseinsicht und damit die Schuldunfähigkeit bei Tatbegehung sicher belegen (s.o.), hätte das Landgericht den Angeklagten in der Urteilsformel vom Anklagevorwurf ausdrücklich freisprechen müssen (vgl. BGH, Beschluss vom 11. Juni 2002 - 3 StR 158/02). Da das Landgericht dies unterlassen hat, ergänzt der Senat die Urteilsformel entsprechend.

Der lediglich in der Ergänzung der Urteilsformel liegende Teilerfolg der Revision rechtfertigt es nicht, den Angeklagten teilweise von Gebühren oder Auslagen des Rechtsmittels freizustellen (§ 473 Abs. 4 StPO).

Nack Rothfuß Hebenstreit

Jäger Cirener