Legislator Rechtsprechung & Gesetzgebung
BGE 127 III 65 KI-generiert

Wife's Infidelity Does Not Justify Alimony Reduction Under Swiss Law

Geschäftsnummer BGE 127 III 65
Gericht / Behörde
Rechtsordnung Schweiz · Bundesgericht (BGer / BGE) (CH)
Ausgang Abgewiesen (Dismissed)

Legislator-Zusammenfassung

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A couple, married since 1971 and comprising the plaintiff (born in 1948) and the defendant (born in 1949), divorced with the decision initially mandating the plaintiff to pay the defendant a monthly alimony of 600 Swiss francs until the end of 2012, which was later reduced to 400 Swiss francs by the Cantonal Court of St. Gallen following the plaintiff's appeal. The plaintiff contested this decision, requesting relief from any financial obligations towards the defendant, citing the latter's infidelity and refusal to seek family therapy. However, the Swiss Federal Tribunal noted that the repeated infidelity, despite being compelling, was insufficient under Article 125, paragraph 3 of the Swiss Civil Code to eliminate or further reduce the alimony, as such instances did not align with the criteria for reducing or canceling alimony obligations as defined by the law.

Legislator-Regeste

Amtlich

Regeste Art. 125 Abs. 3 ZGB; Gründe für eine Kürzung oder Streichung der Rente. Wiederholte Untreue nach lange dauernder Ehe kann den in Art. 125 Abs. 3 Ziff. 1 bis 3 ZGB aufgelisteten Tatbeständen nicht gleichgestellt werden (E. 2).

Schlagwörter

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Herabsetzung von nachehelichem Unterhalt Unterhaltspflicht Ehebruch aufgelöste Ehe Familiensolidarität Einkommenssplitting

Zitierte Gesetzesbestimmungen

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Zitierte Rechtsprechung

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Zentrale Rechtsfragen, extrahiert von Legislator

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Art. 125 Abs. 3 ZGB

This core provision was the subject of the appeal concerning the grounds for reducing or canceling the pension.

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Spätere Entscheide, die dieses Urteil zitieren (65)

LC250010 (2025-04-16) · zh
Spousal Support Obligation Upheld Despite Claim of De Facto Partnership Inadmissibility of New Evidence on Appeal
«…einem Ausschluss führen, wenn sie ähnlich schwer wiegen wie die in Ziff. 1-3 (nicht abschliessend) genannten Fälle (BGE 127 III 65 E. 2a; FamKomm Scheidung/BÜCHLER/RAVEANNE, Art. 125 N 109; KUKO ZGB-VETTERLI/CANTIENI, Art. 125 N 12; BSK ZGB-SPYCHER/G…»
C1 22 176 (2024-10-07) · vs
Maintenance Following Long-Term Marriage and Conjugal Violence Claim
«…rait due au regard de l’article 125 al. 1 CC ne peut être réduite, voire supprimée, qu’avec la plus grande retenue (ATF 127 III 65 consid. 2a). - 15 - 2.2 2.2.1 La cour de céans constate préliminairement…»
ZSU.2023.107 (2023-08-28) · ag
Appeal on Litigation Costs Partially Granted, Support and Asset Awards Upheld
«…ch des Unterhaltsrechts, Bern 2023, 3. Aufl., N. 05.139) und als Ausnahmebestimmung restriktiv anzuwenden ist (vgl. BGE 127 III 65 Erw. 2), konkretisiert denn auch das allgemeine Rechtsmiss- brauchsverbot im Sinne einer Härteklausel für Fälle, in den…»
ZK1 2019 125 (2022-10-25) · gr
Maintenance Calculation Following Marital Separation and Retroactive Award Review
«…10 / 30 mit grosser Zurückhaltung anzuwendenden (vgl. BGE 127 III 65 E. 2a m.w.H.) – Regelbeispiele der offensichtlichen Unbilligkeit nach Art. 125 Abs. 3 ZGB können nicht unbesehen auf de…»
HC.2021.170 (2021-08-19) · vd
Divorce Property Liquidation and Spousal Support Limitation
«…ment que possible l'importance de la faute des époux dans la détermination du droit à une contribution d'entretien (ATF 127 III 65 consid. 2a, JdT 2001 I 225). Un comportement qui n'est pas expressément visé par les chiffres 1 à 3 de l'art. 125 al. 3…»
5A_1048/2019 (2021-06-30)
«…e vor Urteilsdatum liegenden Zeitpunkt galten (vgl. Urteil 5C.238/2000 vom 8. Dezember 2000 E. 1a, nicht publ. in: BGE 127 III 65 , wo das Kantonsgericht in seinem Entscheid vom 18. September 2000 auf eine Bankauskunft vom 26. Juni 2000 abgestellt h…»
10/2019/11 (2021-02-09) · sh
Husband's Spousal Support Upheld Despite Domestic Violence Allegations
«…fensichtlich unbillig erscheinen muss. Es handelt sich um eine Aus- nahmebestimmung, die restriktiv anzuwenden ist (BGE 127 III 65 E. 2a S. 66). Eine schwere Straftat im Sinne von Art. 125 Abs. 3 Ziff. 3 ZGB wird mithin erst bejaht, wenn ein Ehegatte…»
101 2020 176 (2020-11-03) · fr
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«…. 426) ou lorsqu’il a gravement violé son obligation d’entretien. L’énumération de ces motifs n’est pas exhaustive (ATF 127 III 65 consid. 2). 2.5. Dans son principe, comme dans son montant et sa durée, l'obligation d'entretien doit être fixée en…»
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«…zen als beachtlich, liegt besagter Norm schliesslich selbst das Prinzip des Rechtsmissbrauchsverbots zugrunde (vgl. BGE 127 III 65 E. 2a). 2.3 Die Ausnahmenorm von Art. 125 Abs. 3 ZGB ist mit grosser Zurückhaltung anzuwenden (BGer 5A_801/2011 und 5A…»
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«…rincipe due au regard de l'art. 125 al. 1 CC ne peut être réduite, voire supprimée, qu'avec la plus grande retenue (ATF 127 III 65 consid. 2a; arrêt du Tribunal fédéral 5A_668/2014 du 11 mai 2015 consid. 3.2.3.4 et les références citées). 3.4.2 En l…»
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Volltext

Urteilskopf

127 III 65

10. Auszug aus dem Urteil der II. Zivilabteilung vom 8. Dezember 2000 i.S. P. O. gegen M. O. (Berufung)

Regeste

Art. 125 Abs. 3 ZGB ; Gründe für eine Kürzung oder Streichung der Rente.

Wiederholte Untreue nach lange dauernder Ehe kann den in Art. 125 Abs. 3 Ziff. 1 bis 3 ZGB aufgelisteten Tatbeständen nicht gleichgestellt werden (E. 2).

Sachverhalt ab Seite 65

BGE 127 III 65 S. 65

Das Bezirksgericht X. schied mit Urteil vom 1. Juli 1998 die seit 1971 verheirateten M.O. (Beklagte, geboren 1949) und P.O. (Kläger, geboren 1948) und verpflichtete diesen, der Beklagten eine auf aArt. 152 ZGB gestützte, monatliche Rente von Fr. 600.- bis zum 31. Dezember 2012 zu bezahlen. Weiter regelte es die güterrechtlichen Nebenfolgen. Auf Berufung des Klägers änderte das Kantonsgericht St. Gallen den erstinstanzlichen Entscheid mit Urteil vom 18. September 2000 einzig insofern ab, als es die Rente auf Fr. 400.- im Monat senkte (Dispositiv-Ziff. 2) und die ehegüterrechtlichen Anordnungen nur in einem Nebenpunkt aufhob (Dispositiv-Ziff. 1).

Der Kläger beantragt dem Bundesgericht mit Berufung, Dispositiv-Ziff. 1 und 2 des kantonsgerichtlichen Urteils seien insofern aufzuheben, als er von jeglicher güter- und rentenrechtlichen Zahlung zu entbinden sei. Das Bundesgericht hat die Berufung abgewiesen, soweit es auf diese eingetreten ist.

Erwägungen

Aus den Erwägungen:

2. Das Kantonsgericht hat in Anwendung des neuen Scheidungsrechts ( Art. 7b Abs. 1 und 2 SchlT ZGB ) entschieden, dass die

BGE 127 III 65 S. 66

Beklagte dem Kläger untreu gewesen sei, rechtfertige mit Rücksicht auf den Wortlaut von Art. 125 Abs. 3 ZGB und den Katalog der Ziff. 1 bis 3 nicht, die Rentenpflicht aufzuheben; andernfalls würde das altrechtliche Verschuldensprinzip "durch die Hintertür" wieder eingeführt. Der Kläger rügt, die mehrjährige Untreue der Beklagten und ihre Weigerung, familientherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, lasse die ihm auferlegte Rentenpflicht als unbillig erscheinen; die Vorinstanz habe Art. 125 Abs. 3 ZGB verletzt.

a) Entsprechend dem Wortlaut von Art. 125 Abs. 3 ZGB kann ein Unterhaltsbeitrag nur "ausnahmsweise versagt oder gekürzt werden". Auch die Verwendung der Begriffe "grob verletzt" (Ziff. 1), "mutwillig" (Ziff. 2) und "schwere Straftat" (Ziff. 3) spricht für eine zurückhaltende Praxis zu den Gründen für eine Herabsetzung oder Streichung der Rente, auch wenn die Gründe in Art. 125 Abs. 3 Ziff. 1 bis 3 ZGB nicht abschliessend aufgezählt sind, wie der Einschub des Wortes "insbesondere" zeigt. Die Kann-Vorschrift von Art. 125 Abs. 3 ZGB wird in der Lehre vor den Hintergrund des Rechtsmissbrauchs gestellt mit der Folge, dass die Geltendmachung des Unterhaltsanspruches in ungeschmälerter Höhe als stossend (venire contra factum proprium) oder offensichtlich unbillig erscheinen muss; daher darf die Rentenpflicht nur mit grosser Zurückhaltung reduziert oder gar aufgehoben werden (H. HAUSHEER, Der Scheidungsunterhalt und die eheliche Wohnung, in: Vom alten zum neuen Scheidungsrecht, Bern 1999, Rz. 3.29 bis 3.32, S. 139 ff.; I. SCHWENZER, in: Praxiskommentar Scheidungsrecht, N. 80 f., 83 ff., 89 ff., 94 ff. und 100 ff. zu Art. 125 ZGB ; SUTTER/FREIBURGHAUS, Kommentar zum neuen Scheidungsrecht, N. 103 ff., 108 ff. und 116 f. zu Art. 125 ZGB ; R. KLOPFER, Nachehelicher Unterhalt, Wohnungszuteilung, in: Das neue Scheidungsrecht, Zürich 1999, S. 85 f.; vgl. zu Art. 249 OR und zu Art. 477 ZGB BGE 113 II 252 E. 4a S. 256 f. und BGE 106 II 304 E. 3).

Ein vorrangiges Ziel der Revision des Scheidungsrechts war, die Bedeutung des Verschuldens der Ehegatten bei den damals geltenden Scheidungsgründen (aArt. 137 ff. ZGB) und den unterhaltsrechtlichen Scheidungsfolgen (aArt. 151 f. ZGB) möglichst stark zurückzudrängen (Botschaft des Bundesrates über die Änderung des schweizerischen Zivilgesetzbuches vom 15. November 1995, BBl 1996 I 27 ff. Ziff. 144.3, S. 42 f. Ziff. 146.22, S. 44 f. Ziff. 146.31 und S. 113 f. Ziff. 233.52). Entgegen dieser Stossrichtung setzte sich in der nationalrätlichen Beratung aber der Vorschlag durch, Art. 125 Abs. 3 ZGB um ein viertes Beispiel zu ergänzen, wonach eine Rente

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auch zu streichen, bzw. zu kürzen sei, wenn "der berechtigten Person ein offensichtlich schwerwiegendes, eindeutig bei ihr liegendes Fehlverhalten gegen den Verpflichteten zur Last fällt". Jedoch scheiterte dieser Vorstoss am Widerstand des Ständerats, der nicht gewillt war, den Grundsatz der Verschuldensunabhängigkeit so stark zu durchbrechen. Selbst die im Sinne eines Kompromisses von den Räten schliesslich angenommene und heute geltende Fassung von Art. 125 Abs. 3 ZGB , wonach der Begriff "insbesondere" Rentenkürzungen auch aus anderen Gründen als denjenigen von Ziff. 1 bis 3 ermöglicht, wurde im Parlament zum Teil mit Bedauern und dahin kommentiert, die entsprechend geöffnete Bestimmung könne nicht dazu dienen, das Verschuldensprinzip wieder einzuführen. Das gleiche Argument war schon im Vernehmlassungsverfahren gegen eine Bestimmung vorgebracht worden, die dem Verschulden mehr Platz einräumte als Art. 125 Abs. 3 ZGB (SCHWENZER, a.a.O., N. 80 und 82 zu Art. 125 ZGB ; HAUSHEER, a.a.O., Rz. 328, S. 138 in Fn. 47 und Rz. 3.30, S. 139; SUTTER/FREIBURGHAUS, a.a.O., N. 6 f. und 116 a.E. zu Art. 125 ZGB ; KLOPFER, a.a.O., S. 86 bei Fn. 25).

b) Wenn der Kläger meint, die jahrelange (offenbar 1992 erstmals festgestellte), möglicherweise mit der Depression der Beklagten zusammenhängende Untreue sei mit den in Art. 125 Abs. 3 Ziff. 1 bis 3 ZGB aufgelisteten Tatbeständen vergleichbar, kann ihm nicht gefolgt werden. Denn dass die Beklagte nach fast 30 Jahre dauernder Ehe trotz ihrer Untreue auf einer Rente beharrt, erscheint weder rechtsmissbräuchlich noch offensichtlich unbillig; ein Unterhaltsbeitrag ist vielmehr auf Grund nachehelicher Solidarität geschuldet. Soweit der Kläger für eine Kürzung oder gar Streichung der Rentenpflicht ins Feld führt, die Beklagte habe keine familientherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen wollen, läuft seine Argumentation darauf hinaus, die Rentenpflicht vom Verschulden abhängig zu machen. Im Übrigen kann die eheliche Untreue nicht von vornherein der Beklagten allein angelastet werden, wie das Kantonsgericht zu Recht ausführt.

Die Vorinstanz hat Reduktionsgründe ohne Verletzung von Bundesrecht verneint. Denn sexuelle Untreue der Beklagten nach längerer Dauer der Ehe ist für sich allein noch kein Grund für eine Kürzung oder gar die Streichung der Rentenpflicht, und der vorliegende Fall kann mit den Regelbeispielen von Art. 125 Abs. 3 ZGB an Schwere und Intensität nicht verglichen werden (SCHWENZER, a.a.O., N. 82 und 97 f. zu Art. 125 ZGB ; SUTTER/FREIBURGHAUS, a.a.O., N. 116 f. zu Art. 125 ZGB ; HAUSHEER, a.a.O., Rz. 3.31 S. 140 oben).