Legislator Rechtsprechung & Gesetzgebung
BGE 119 II 319 KI-generiert

Compulsory Placement and Definition of Expert Medical Opinion

Geschäftsnummer BGE 119 II 319
Gericht / Behörde
Rechtsordnung Schweiz · Bundesgericht (BGer / BGE) (CH)
Ausgang Abgewiesen (Dismissed)

Legislator-Zusammenfassung

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Compulsory Placement and Definition of Expert Medical Opinion A woman, held under compulsory placement for welfare purposes (fürsorgerische Freiheitsentziehung) since May 1993, sought release, which was denied by the cantonal authorities. The central legal question in her appeal was the definition of "expert" (Sachverständiger) under Article 397e para. 5 of the Swiss Civil Code (ZGB), which requires expert involvement for decisions regarding the imposition or continuation of compulsory placements for the mentally ill. The court ruled that an expert is an objective doctor who possesses the necessary psychiatric expertise appropriate to the specific circumstances, not exclusively a specialized psychiatrist; since the general practitioner serving as an expert panel judge had relevant experience from their judicial activities concerning compulsory placements, and there was no concrete evidence they lacked the requisite knowledge, the doctor was deemed an adequate and objective expert, leading the Federal Supreme Court to reject the appeal and uphold the continued placement.

Legislator-Regeste

Amtlich

Regeste Fürsorgerische Freiheitsentziehung; Begriff des Sachverständigen. Der Sachverständige im Sinne von Art. 397e Ziff. 5 ZGB ist ein Arzt, welcher sich unter den konkreten Umständen als geeignet erweist, ein objektives Gutachten zu erstellen, weil er über die dafür erforderlichen psychiatrischen Sachkenntnisse verfügt (E. 2).

Schlagwörter

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medizinisches Gutachten praktizierender Arzt objektive Beweise medizinische Zwangsbehandlung dauernd bestellter Sachverständiger Kindesunterbringung

Zitierte Gesetzesbestimmungen

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Zitierte Rechtsprechung

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Zentrale Rechtsfragen, extrahiert von Legislator

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Art. 66 Abs. 1 lit. a LTF

This provision governs the imposition of court costs as the appeal was dismissed.

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Spätere Entscheide, die dieses Urteil zitieren (46)

KES 2023 437 (2023-06-23) · be
Appeal Allowed: Inadmissible Expert Opinion in Protective Custody Case
«…isch kranken Menschen, als geeignet erweist, ein objektives Gutachten zu erstellen (BGE 137 III 289 E. 4.4; 119 II 319 E. 2). Der Gutachter muss unabhängig sein (BGE 137 III 289 E. 4.4; Urteil des BGer 5A_128/2021 vom 19. April 2021…»
KES 2019 855 (2019-11-28) · be
Appeal Granted in Part Due to Insufficient Expert Opinion; Temporary Evaluation Ordered
«…ken Menschen, als geeignet erweist, ein objektives Gutachten zu erstellen (BGE 137 III 289 E. 4.4 S. 288, 119 II 319 E. 2 S. 320 ff.). Der Gutachter muss unabhängig sein (BGE 137 III 289 E. 4.4 S. 292). Dabei sind an die Unbefang…»
2019.09.06.vv.1 (2019-09-06) · bl
Doctor's Prior Relationship Precludes New Independent Expert Role
«…age ist, ist von der Kindes- und Erwachsenen- schutzbehörde jeweils im Einzelfall zu prüfen und zu beurteilen (vgl. BGE 119 II 319 E. 2b). 5.1 Gegen den konkret vorgesehenen Gutachter oder die vorgesehene Gutachterin können Ausstandsgründe vorge…»
5A_393/2017 (2017-12-29)
«…n Gutachter gelten die gleichen Grundsätze bezüglich Unabhängigkeit wie für das Gericht ( BGE 128 III 12 E. 4a S. 15; 119 II 319 E. 2b S. 321 f.; 118 II 249 ). Befangenheit ist anzunehmen, wenn Umstände vorliegen, die geeignet sind, Misstrauen in…»
5A_83/2017 (2017-02-23)
«…ht unabhängigen Klinikärzte, ein Gutachten im Sinn von Art. 450e Abs. 3 ZGB abzugeben ( BGE 128 III 12 E. 4a S. 15; 119 II 319 E. 2b S. 321 f.; 118 II 249 ). Aufgrund der ungenügenden Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes durch Gutachte…»
BGE 143 III 189
«…nabhängigen Klinikärzte, ein Gutachten im Sinn von Art. 450e Abs. 3 ZGB abzugeben ( BGE 128 III 12 E. 4a S. 15; BGE 119 II 319 E. 2b S. 321 f.; BGE 118 II 249 ). Aufgrund der ungenügenden Abklärung des rechtserheblichen Sachverhaltes durch Guta…»
NA120039 (2012-12-06) · zh
Appeal Concerning Continued Protective Custody for Alcohol Abuse and Schizophrenia
«…llen, weil er über die dafür erforderlichen psychiatrischen Sachkenntnisse verfügt (BGE 118 II 249 Erw. 2c und BGE 119 II 319 Erw. 2a). Die bei der Anhörung des Berufungsklägers durch die Sozialbehörde anwesende Ärztin der E._____ wurd…»
5A_787/2011 (2011-11-24)
Protective involuntary psychiatric commitment; sufficiency of reasoning for ignoring contrary expert opinion under right to be heard
«…137 III 289 E. 4.5). Der Gutachter muss ein ausgewiesener Fachmann, aber auch unabhängig sein ( BGE 118 II 249 ; BGE 119 II 319 E. 2b S. 321 f.), und er darf sich nicht bereits im gleichen Verfahren über die Krankheit der betroffenen Person geäus…»
5A_335/2011 (2011-06-07)
«…chter gemäss Art. 397e Ziff. 5 ZGB muss ein ausgewiesener Fachmann, aber auch unabhängig sein ( BGE 118 II 249 ; BGE 119 II 319 E. 2b S. 321 f.) und er darf sich nicht bereits im gleichen Verfahren über die Krankheit der betroffenen Person geäuss…»
C/28/2011 (2011-05-23) · ge
Curatorship Annulled for Lack of Mandatory Personal Hearing
«…é de l'arrêt paru aux ATF [134 III 289](https://justice.ge.ch/apps/decis/fr/decis/search?query=134%20III%20289) et ATF [119 II 319](https://justice.ge.ch/apps/decis/fr/decis/search?query=119%20II%20319) consid. 2b). En application de la maxime d'off…»
5A_689/2010 (2011-03-03)
«…12 février 2001, consid. 3a; cf. aussi: consid. 3 non publié de l'arrêt paru aux ATF 134 III 289 ; ATF 118 II 249 ; 119 II 319 consid. 2b p. 321 s.). En cas de contestation du caractère concluant et de la valeur probante d'une expertise, ainsi q…»
BGE 137 III 289
«…chter gemäss Art. 397e Ziff. 5 ZGB muss ein ausgewiesener Fachmann, aber auch unabhängig sein ( BGE 118 II 249 ; BGE 119 II 319 E. 2b S. 321 f.) und er darf sich nicht bereits im gleichen Verfahren über die Krankheit der betroffenen Person geäuss…»
Arr.t.2010.1165 (2010-08-04) · vd
Guardianship Appeal Regarding Indefinite Psychiatric Placement
«…as s'être déjà prononcé sur la maladie de l'intéressé dans une même procédure (ATF 128 III 12 c. 4a, JT 2002 I 474; ATF 119 II 319; ATF 118 II 249 c. 2a, JT 1995 I 51). La loi n'exige pas que le médecin consulté soit étranger à l'établissement de pla…»
Arr.t.2010.847 (2010-07-08) · vd
In re Commitment of [Patient Name]
«…as s'être déjà prononcé sur la maladie de l'intéressé dans une même procédure (ATF 128 III 12 c. 4a, JT 2002 I 474; ATF 119 II 319; ATF 118 II 249 c. 2a, JT 1995 I 51). A l'occasion du contrôle annuel prescrit par l'art. 398g CPC, l'autorité peut se…»
Arr.t.2010.984 (2010-06-17) · vd
Appeal of Provisional Interdiction and Placement for Cognitive Impairment
«…dispose pour cela des connaissan­ces psychiatriques nécessaires, ce qui peut être le cas d'un médecin généraliste (ATF 119 II 319 c. 2). En l'espèce, pour constater les troubles de la mémoire et de la coordination qui se manifestent en cas de maladi…»

Volltext

Urteilskopf

119 II 319

62. Auszug aus dem Urteil der II. Zivilabteilung vom 18. Oktober 1993 i.S. Z. gegen Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen (Berufung)

Regeste

Fürsorgerische Freiheitsentziehung; Begriff des Sachverständigen.

Der Sachverständige im Sinne von Art. 397e Ziff. 5 ZGB ist ein Arzt, welcher sich unter den konkreten Umständen als geeignet erweist, ein objektives Gutachten zu erstellen, weil er über die dafür erforderlichen psychiatrischen Sachkenntnisse verfügt (E. 2).

Sachverhalt ab Seite 320

BGE 119 II 319 S. 320

Z. hielt sich zwischen August 1989 und 13. Mai 1993 mehrmals in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik (nachfolgend KPK) auf. Seit 14. Mai 1993 befindet sie sich erneut in der KPK, diesmal in Form der fürsorgerischen Freiheitsentziehung.

Am 21. Juni 1993 ersuchte Z. die Leitung der KPK um Entlassung. Dieses Gesuch wurde mit Verfügung vom 23. Juni 1993 abgewiesen. Desgleichen wies die Verwaltungsrekurskommission des Kantons St. Gallen mit Entscheid vom 15. Juli 1993 die Klage von Z. ab.

Mit Berufung vom 10. August 1993 verlangt Z., das Urteil der Verwaltungsrekurskommission sei aufzuheben und sie sei unverzüglich auf freien Fuss zu setzen. Eventuell sei in Aufhebung des angefochtenen Urteils die Sache zur Aktenergänzung und neuen Entscheidung an die Verwaltungsrekurskommission zurückzuweisen.

Das Bundesgericht weist die Berufung ab

Erwägungen

aus folgenden Erwägungen:

2. Art. 397e ZGB überlässt grundsätzlich das Verfahren dem kantonalen Recht; jedoch hat der Gesetzgeber in den Ziffern 1 bis 5 dieser Bestimmung festgelegt, inwiefern bestimmte Verfahrensvorschriften des Bundesrechts allgemein gelten sollen. In Ziffer 5 dieser Bestimmung wird vorgeschrieben, dass bei psychisch Kranken nur unter Beizug von Sachverständigen über die Anordnung oder Weiterführung einer fürsorgerischen Freiheitsentziehung entschieden werden darf. Streitig ist vorliegend, was unter dem Begriff des Sachverständigen zu verstehen ist.

a) Eine Antwort darauf erteilt weder das Gesetz noch die Botschaft des Bundesrates über die Änderung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (fürsorgerische Freiheitsentziehung) vom 17. August 1977. Diese letztere sagt nur, aber immerhin, dass als Sachverständige "wohl nur Ärzte bzw. Psychiater" in Frage kommen (BBl 1977

BGE 119 II 319 S. 321

III 35). In der bundesgerichtlichen Rechtsprechung wird festgehalten, dass als Sachverständiger eine Person mit psychiatrischen Sachkenntnissen zu verstehen sei (nicht veröffentlichtes Urteil des Bundesgerichts i.S. D. vom 27. September 1983, E. 2) bzw. dass einzig ein objektives Gutachten eines fachkundigen neutralen Arztes zu verlangen sei (BGE 118 II 249 E. 2a), der ein ausgewiesener Fachmann zu sein hat (E. 2c). In der nicht sehr zahlreichen Literatur zur fürsorgerischen Freiheitsentziehung findet sich ebenfalls kaum etwas, das weiterführen würde (vgl. GOTTLIEB JBERG, Aus der Praxis zur fürsorgerischen Freiheitsentziehung, in SJZ 79/1983, S. 293 ff., insbesondere 294 Anm. 7; EDWIN BIGGER, Fürsorgerische Freiheitsentziehung und strafrechtliche Massnahme bei Suchtkranken aus rechtlicher Sicht, in ZVW 47/1992, S. 48 f.; BEATRICE MAZENAUER, Psychischkrank und ausgeliefert?, Bern 1985, S. 92). Konkreter äussern sich einzig SCHNYDER/MURER (3. A., N. 101 zu Art. 374 ZGB), die dafürhalten, dass infolge der Dringlichkeit der fürsorgerischen Freiheitsentziehung der Ausschluss nichtpsychiatrisch geschulter Ärzte zum vornherein unzweckmässig wäre.

b) Im vorliegenden Fall steht fest, dass der begutachtende Sachverständige Arzt für allgemeine Medizin ist. Die Berufungsklägerin vertritt den Standpunkt, dass das nicht genüge; es könne von Art. 397e Ziff. 5 ZGB nur ein Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH gemeint sein. Denn der Gutachter sollte mindestens über den gleichen Wissensstand verfügen wie die Klinikärzte.

Der Auffassung der Berufungsklägerin kann in dieser Absolutheit nicht gefolgt werden. Gerade einem Allgemeinpraktiker kann nicht zum vornherein jedes psychiatrische Spezialwissen und vor allem auch die hier besonders geforderte kritische Objektivität gegenüber den Klinikärzten und den Psychiatern abgesprochen werden. Das gilt insbesondere für einen allgemeinpraktizierenden Arzt, der - wie vorliegend - wegen seiner Tätigkeit als Fachrichter der Verwaltungsrekurskommission, die sich mit fürsorgerischer Freiheitsentziehung zu befassen hat, über eine gewisse auch fachliche Erfahrung bezüglich des Umgangs mit psychisch Kranken und deren Beurteilung verfügen muss. Gründe, die Zweifel daran zu wecken vermöchten, bringt die Berufungsklägerin keine vor. Demgegenüber lassen das Befragungsprotokoll und das Gutachten darauf schliessen, dass der Gutachter durchaus als sachkundiger Arzt betrachtet werden darf, der in der Lage ist, objektiv beurteilen zu können, ob eine Person psychisch krank ist und wie sich die Krankheit bei ihr bemerkbar macht. Die Verwaltungsrekurskommission hält dazu fest, der begutachtende

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Fachrichter, ein allgemeinpraktizierender Arzt, sei ein von der Klinik unabhängiger Sachverständiger, der sich für spezifisch psychiatrische Fragen auch auf die Angaben der in der Klinik arbeitenden Fachpsychiater stützen könne.

Dem muss aus sachlichen Gründen wie auch aus solchen der Praktikabilität zwar nicht unbedingt generell, aber unter den hier gegebenen Umständen gefolgt werden. Die Auffassung der Verwaltungsrekurskommission widerspricht jedenfalls nicht der - vorne zitierten - Rechtsprechung zu Art. 397e Ziff. 5 ZGB. Damit werden aber die Anforderungen, welche die über die fürsorgerische Freiheitsentziehung und deren Weiterführung entscheidenden Gerichte an die Fachkunde der Gutachter zu stellen haben, keineswegs gering eingestuft; es bedeutet vielmehr, dass ernsthaft geprüft werden muss, wer je nach den konkreten Umständen als geeigneter Fachmann oder als Fachfrau mit den erforderlichen Fachkenntnissen als Sachverständiger im Sinne des Art. 397e Ziff. 5 ZGB bestimmt werden kann. Dabei kann sich insbesondere ergeben, dass der Fachrichter, der üblicherweise die Begutachtung vornimmt, nicht über das nötige Spezialwissen verfügt und mithin ein gerichtsexterner Facharzt oder eine Fachärztin beigezogen werden muss (vgl. SCHNYDER/MURER, die unter N. 101 f. zu Art. 374 ZGB in Fällen von Entmündigung wegen Geisteskrankheit oder Geistesschwäche die Begutachtung durch einen "psychiatrisch geschulten Arzt" vorschlagen, bei offensichtlicher Geisteskrankheit und -schwäche jedoch die Begutachtung durch einen "gewöhnlichen Arzt" genügen lassen wollen). Dass dies vorliegend zutrifft, wird indessen nicht konkret behauptet.