Legislator Rechtsprechung & Gesetzgebung
6B_538/2010 KI-generiert

Interlocutory order to continue criminal proceedings after dismissal of fraud charges is not appealable absent irreparable harm.

Geschäftsnummer 6B_538/2010
Gericht / Behörde
Rechtsordnung Schweiz · Bundesgericht (BGer / BGE) (CH)
Entscheiddatum
Ausgang Nichteintreten / Unzulässig (Inadmissible)
Kostenauflage zulasten Beschwerdeführer/in

Legislator-Zusammenfassung

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The Swiss Federal Supreme Court dismissed the appeal and declined to hear the case, leaving the lower court's decision in force. That decision had overturned a stay of criminal proceedings and ordered the prosecution to continue the investigation and bring charges. The case concerned a criminal complaint for fraud and forgery filed by the descendants of a deceased person against the deceased's widow, challenging the prosecutorial decision to discontinue the proceedings. The Court held that the challenged ruling was an interlocutory decision under Article 93 BGG, but that the appellant had not shown an irreparable disadvantage under Article 93(1)(a) BGG. It also determined that Article 93(1)(b) BGG, which allows appeals if they would save significant time or costs, must be interpreted very restrictively in criminal law and was inapplicable here, since the need to continue a legally required criminal procedure cannot be outweighed by expected costs or travel burdens. Court costs of CHF 2,000 were imposed on the appellant, and no compensation was awarded to the respondents.

Legislator-Regeste

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Art. 93 BGG, Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG, Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG, Art. 66 Abs. 1 BGG; Interlocutory order to continue criminal proceedings after dismissal of fraud charges is not appealable absent irreparable harm: That decision had overturned a stay of criminal proceedings and ordered the prosecution to continue the investigation and bring charges. The case concerned a criminal complaint for fraud and forgery filed by the descendants of a deceased person against the deceased's widow, challenging the prosecutorial decision to discontinue the proceedings. The Court held that the challenged ruling was an interlocutory decision under Article 93 BGG, but that the appellant had not shown an irreparable disadvantage under Article 93(1)(a) BGG. It also determined that Article 93(1)(b) BGG, which allows appeals if they would save significant time or costs, must be interpreted very restrictively in criminal law and was inapplicable here, since the need to continue a legally required criminal procedure cannot be outweighed by expected costs or travel burdens. Court costs of CHF 2,000 were imposed on the appellant, and no compensation was awarded to the respondents.

Schlagwörter

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Einstellungsverfügung (Betrug etc.) Betrugsermittlung Strafanzeige Nachkomme Erblasser Verwaltungskosten Anklage

Zitierte Gesetzesbestimmungen

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Zitierte Rechtsprechung

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Zentrale Rechtsfragen, extrahiert von Legislator

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Art. 93 BGG

Basis for declaring the appeal inadmissible because the challenged ruling was an interlocutory decision not meeting the requirements for appeal.

Art. 66 Abs. 1 BGG

Used to impose the court costs on the appellant.

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Spätere Entscheide, die dieses Urteil zitieren (5)

1F_9/2014 (2014-04-04)
Convicted Individual's Request for Revision of Federal Supreme Court Judgment Dismissing Appeal Rejected
«…n. Die Bestimmung stellt im Strafrecht einen Fremdkörper dar und kommt kaum je zur Anwendung (BGE 133 IV E. 3.2; Urteil 6B_538/2010 vom 9. Juli 2010 mit weiteren Hinweisen). Auf den vorliegenden Fall bezogen ergibt sich, dass der angefochtene, am 22.…»
6B_112/2014 (2014-03-31)
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«…ication ( ATF 133 IV 288 consid. 3.2 p. 292; arrêts 1B_479/2012 consid. 2, 1B_314/2011 du 20 septembre 2011 consid. 3, 6B_538/2010 du 9 juillet 2010 consid. 1 et 6B_782/2008 du 12 mai 2009 consid. 1.4.1-1.4.3 in Pra 2009 n° 115 p. 787). Pour que tel…»
1B_479/2012 (2012-09-13)
Applicant v. Prosecution and Cantonal Tribunal: Disqualification of Civil Party in Misappropriation Case
«…rises au cours de la procédure ( ATF 133 IV 288 consid. 3.2 p. 292; arrêts 1B_314/2011 du 20 septembre 2011 consid. 3, 6B_538/2010 du 9 juillet 2010 consid. 1 et 6B_782/2008 du 12 mai 2009 consid. 1.4.1-1.4.3 in Pra 2009 n° 115 p. 787). Il faut que l…»
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Public Prosecutor v. Restitution of Time Limits
«…rises au cours de la procédure ( ATF 133 IV 288 consid. 3.2 p. 292; arrêts 1B_314/2011 du 20 septembre 2011 consid. 3, 6B_538/2010 du 9 juillet 2010 consid. 1 et 6B_782/2008 du 12 mai 2009 consid. 1.4.1-1.4.3 in Pra 2009 n° 115 p. 787). Si l'admissio…»
1B_558/2011 (2011-10-14)
Heir's Complaint Against Executrix: Appeal Against Reopening of Criminal Investigation Inadmissible
«…rises au cours de la procédure ( ATF 133 IV 288 consid. 3.2 p. 292; arrêts 1B_314/2011 du 20 septembre 2011 consid. 3, 6B_538/2010 du 9 juillet 2010 consid. 1 et 6B_782/2008 du 12 mai 2009 consid. 1.4.1-1.4.3 in Pra 2009 n° 115 p. 787). L'arrêt attaq…»

Volltext

Bundesgericht

Tribunal fédéral

Tribunale federale

Tribunal federal

{T 0/2}

6B_538/2010

Urteil vom 9. Juli 2010

Strafrechtliche Abteilung

Besetzung

Bundesrichter Favre, Präsident,

Bundesrichter Wiprächtiger, Mathys,

Gerichtsschreiber Monn.

Verfahrensbeteiligte

X.________, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Pirmin Bischof,

Beschwerdeführerin,

gegen

1. Staatsanwaltschaft des Kantons Thurgau, Staubeggstrasse 8, 8510 Frauenfeld,

2. A.________,

3. B.________,

4. C.________,

alle drei vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Peter B. Lindt,

Beschwerdegegner.

Gegenstand

Einstellungsverfügung (Betrug etc.),

Beschwerde gegen den Entscheid der Anklagekammer des Kantons Thurgau vom 20. April 2010.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1. Am 1. Juni 2006 erstatteten die Beschwerdegegner als Nachkommen einer verstorbenen Person beim Bezirksamt Kreuzlingen gegen die Beschwerdeführerin als Witwe des Verstorbenen Strafanzeige wegen Betrugs, Urkundenfälschung und eventuell weiterer Straftatbestände. Nach umfangreichen Untersuchungshandlungen stellte das Kantonale Untersuchungsrichteramt die Strafuntersuchung mit Verfügung vom 20. Juli 2009 ein. In Gutheissung einer Beschwerde der Beschwerdegegner wies die Vorinstanz die Untersuchungsakten mit Entscheid vom 20. April 2010 zur Weiterführung des Verfahrens und zur Anklageerhebung an die Staatsanwaltschaft des Kantons Thurgau zurück. Dagegen wendet sich die Beschwerdeführerin mit Beschwerde in Strafsachen ans Bundesgericht.

Beim angefochtenen Entscheid handelt es sich um einen Zwischenentscheid im Sinne von Art. 93 BGG . Gemäss Abs. 1 dieser Bestimmung ist gegen einen solchen Zwischenentscheid die Beschwerde ans Bundesgericht zulässig, a) wenn er einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil bewirken kann, oder b) wenn die Gutheissung der Beschwerde sofort einen Endentscheid herbeiführen und damit einen bedeutenden Aufwand an Zeit oder Kosten für ein weitläufiges Beweisverfahren ersparen würde.

Die Beschwerdeführerin beruft sich nicht auf Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG . Sie macht geltend, es liege ein nach Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG anfechtbarer Zwischenentscheid vor (vgl. Beschwerde S. 3/4).

Art. 93 Abs. 1 lit. b BGG übernimmt die Regel von Art. 50 Abs. 1 des früheren Bundesrechtspflegegesetzes, der die zivilrechtliche Berufung betraf. Die Bestimmung ist somit vor allem in jenen Zivilsachen anwendbar, in denen die Parteien über den Verfahrensgegenstand frei verfügen und vom Prozess nach dem Zwischenentscheid Abstand nehmen können. Im Strafrecht, welches dem Legalitätsprinzip unterworfen ist, muss die Bestimmung demgegenüber sehr restriktiv gehandhabt werden. Besteht ein hinreichender Tatverdacht und sind die Prozessvoraussetzungen gegeben, muss das Strafverfahren ungeachtet zu erwartender hoher Kosten durchgeführt werden. Die Bestimmung stellt im Strafrecht einen Fremdkörper dar und kommt kaum je zur Anwendung ( BGE 133 IV 288 E. 3.2; Urteil 1B_84/2009 vom 22. März 2010; Urteil 6B_782/2008 vom 12. Mai 2009 E. 1.4, in: Pra 2009 Nr. 115 S. 787).

Nach der Darstellung der Beschwerdeführerin würde sich der bereits bestehende Aktenberg bei einer Weiterführung des Verfahrens durch die Staatsanwaltschaft "zu einem ganzen Aktengebirge auftürmen", zumal die zahlreichen Rechtsschriften und Beweisanträge der Beschwerdegegner immer äusserst umfangreich seien. Die Weiterführung des Verfahrens werde dazu führen, dass die Beschwerdeführerin immer wieder von Spanien in die Schweiz reisen müsse (Beschwerde S. 4).

Die Vorinstanz, auf deren Ausführungen verwiesen werden kann (vgl. angefochtenen Entscheid S. 9 - 11), bemängelt unter Hinweis auf die Literatur und die Rechtsprechung die Auffassung des Untersuchungsrichteramtes, wonach das Verhalten der Beschwerdeführerin das Tatbestandsmerkmal der arglistigen Täuschung nicht erfüllen könne. Inwieweit die Prüfung dieses Punktes durch die Staatsanwaltschaft und die Gerichte zu einer unzumutbaren Aufblähung des Verfahrens führen müsste, ist den Erwägungen der Vorinstanz und der Darstellung in der Beschwerde nicht zu entnehmen. Nach den Feststellungen der Vorinstanz wurden ja bereits umfangreiche Untersuchungshandlungen vorgenommen (angefochtener Entscheid S. 3), die durch die Beschwerdeführerin selber als "äusserst gewissenhaft" qualifiziert werden (Beschwerde S. 3). Der Umstand, dass die Beschwerdeführerin insbesondere zur Wahrung von Gerichtsterminen allenfalls wird in die Schweiz reisen müssen, vermag nichts daran zu ändern, dass der angefochtene Entscheid im Lichte der sehr restriktiven Rechtsprechung mit Beschwerde beim Bundesgericht nicht anfechtbar ist.

Auf die Beschwerde ist nicht einzutreten.

2. Die Gerichtskosten sind der Beschwerdeführerin aufzuerlegen ( Art. 66 Abs. 1 BGG ). Den Beschwerdegegnern ist keine Entschädigung auszurichten, weil sie vor Bundesgericht keine Umtriebe hatten.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

1. Auf die Beschwerde wird nicht eingetreten.

2. Die Gerichtskosten von Fr. 2'000.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt.

3. Dieses Urteil wird den Parteien und der Anklagekammer des Kantons Thurgau schriftlich mitgeteilt.

Lausanne, 9. Juli 2010

Im Namen der Strafrechtlichen Abteilung

des Schweizerischen Bundesgerichts

Der Präsident: Der Gerichtsschreiber:

Favre Monn